Abteilung I, Briefe

Dokumenttyp: Brief

Chronologie: Briefe von 1914 bis 1915

Briefwechsel: Jacoba van Heemskerck an Herwarth Walden

Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung, Sturm-Archiv I, Heemskerck van Beest, Jacoba van, Bl.97-98


[97r]
Sehr wehrter Herr Walden.

Jetzt bin ich ruhig hier und habe ich Zeit zum schreiben und viel lust zu arbeiten So sehr gern möchte ich Ihnen etwas fragen aber bitte ganz offen sagen wenn Sie es nicht wünschen. Darf ich in so 20–30. Zeichnungen schwarz und weiss und farbig und dazu verschiedene neue
[97v]
schwarze und farbige Holzschnitten ausstellen. Sie wählen dann dazu noch einige andere Maler auch mit Zeichnungen und Graphik Ich möchte dann so sehr gern nächstes Jahr in nicht da es dann zu nahe an ist, eine Gemälde Ausstellung haben, Sie können dann auf 25–30. Gemälde rechnen. Bitte nehmen Sie es nicht übel dass ich alles so offen schreiben, aber ich habe jetzt sehr viel im Kopf so Gemälde ganz fertig und Zeichnungen und die musz ich jetzt alle ausführen. Wollen Sie nun keine
[98r]
Zeichnung und Graphik Ausstellung dann warte ich mit die ausführung von verschiedene entwürfen. Sie wissen ich arbeite immer sehr viel und ich finde so sehr angenehm voraus zu wissen wann alles fertig sein muss da ich immer gute und ernste Sachen an Ihnen schicken will. Gestern in De Toekomst gelesen über der Sturm und auch über meine und die Schwedische Ausstellung von Sophie v. Leer, dass ist doch Ihre Sekretärin, nicht wahr? Ich verstehe so gut dass Sie nichts sagen können über eine Reise nach hier. In moderne Kunst geht jetzt nichts um in Holland. Da nichts sicher ist ob Sie kommen können darum
[98v]
schreibe ich Ihnen auch alles über die Ausstellungen. Es ist doch ganz prachtvoll wie Deutschland jetzt da steht gegen Rusland geht es ganz wundervoll.1 Wie Sie in diesen schwere Zeiten alles machen dass ist ganz unbegreiflich, was verdanken wir Ihnen und Ihre Frau doch enorm viel. Sie müssen einmal Zeit finden zu schreiben wie die Schwedische Gemälde waren anders fragen Sie ob Ihre Frau mir darüber einmal etwas schreibt. Es geht eine so grosse Energie von Deutschland aus dass ich nie ein so grosse Fassungs Drang gehabt habe. Hier sind ein grossen Anzahl Belgier schreckliche Leute.2

Jetzt für heute genug

Herzlichste Grüssen für Sie beiden Ihre Jacoba vanHeemskerck

  1. Im Mai 1915 wurde die russische Front in Galizien durchbrochen und bis auf den östlichsten Teil zurückerobert (Galizien war österreichisches Gebiet). Ebenfalls wurde ein Großteil Russisch-Polens samt der Hauptstadt Warschau durch deutsch-österreichische Truppen besetzt. Nach der erfolgreichen Besetzung Litauens kam nach den Schlachten von Swenziany und Dubno-Luck die Offensive der Mittelmächte im September 1915 zum Stehen. Vgl. Stone, Norman: Ostfront. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Hrsg. v. Gerhard Hirschfeld [u.a.]. Paderborn [u.a.] 2004, S. 762–764, hier S. 762. »
  2. Zahlreiche Belgier flohen seit der deutschen Invasion im August 1914 vor allem nach Großbritannien, Frankreich und in die Niederlande. Der Vormarsch der deutschen Truppen in Belgien war mit brutalen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung verbunden, mit Geiselnahmen (auch Geiselerschießungen) und Deportationen belgischer Bürger zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Die kämpferischen Auseinandersetzungen um Antwerpen im Oktober 1914 verursachten die Flucht von knapp 1. Mio. Belgiern in die niederländische Provinz Holland (zu der auch Domburg/Zeeland gehört). Insgesamt erreichte die Zahl der belgischen Flüchtlinge im Sommer und Herbst 1914 etwa 1,5 Mio. Viele von ihnen kehrten zu Beginn des neuen Jahres wieder zurück, da die Deutschen Besatzer in Gent ein Dekret erließen, das die Konfiszierung des Eigentums der Geflüchteten erlaubte, wenn diese nicht bis zum 1. März 1915 zurückkehrten. Auch die niederländische Regierung setzte die Flüchtlinge unter Druck, in ihr Heimatland zurückzukehren, so dass deren Zahl dort im Sommer 1915 auf 85,000 gesunken war. Sie fürchteten, dass die Aufnahme von Flüchtlingen ihre Neutralität gefährde. Das erste Internierungslager für belgische Flüchtlinge in den Niederlanden wurde im November 1914 gegründet, wo diese unter unzureichender Beheizung und medizinischer Versorgung in gefängnisähnlichen Zuständen leben mussten. Vgl. Daniel, Ute: Frauen. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Hrsg. v. Gerhard Hirschfeld [u.a.]. Paderborn [u.a.] 2004, S. 116–134, hier S. 117 u. S. 126; Blom, J.C.H.: Niederlande. In: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Hrsg. v. Gerhard Hirschfeld [u.a.]. Paderborn [u.a.] 2004, S. 738–741, hier S. 740; Amara, Michaël: Refugees (Belgium). In: 1914-1918-online. International Encyclopedia of the First World War. Hrsg. v. Ute Daniel [u.a.]. Berlin 2014; Gartell, Peter; Nivet, Philippe: Refugees and Exiles. In: The Cambridge History of the First World War. Bd. 3, Civil Society. Hrsg. v. Jay Winter. Cambridge 2014, S.186–251, hier S. 189f. u. 194f. »

Zitierhinweis:
Trautmann, Marjam: „Jacoba van Heemskerck an Herwarth Walden, 6. Juni 1915“, in: DER STURM. Digitale Quellenedition zur Geschichte der internationalen Avantgarde, erarbeitet und herausgegeben von Marjam Trautmann und Torsten Schrade. Mainz, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Version 1 vom 16. Jul. 2018.

URI:
https://sturm-edition.de/id/Q.01.19150606.JVH.01

Versionen:
https://sturm-edition.de/id/Q.01.19150606.JVH.01/1 (16. Jul. 2018)

Nutzungshinweis:
Edition und Forschungsdaten stehen unter einer Creative Commons Attribution 4.0 International (CC-BY 4.0) Lizenz. Freie Verwendung unter Angabe von Zitierhinweis, Permalink und Kenntlichmachung von Änderungen.